Der Verschlossene

Da ist nichts zu machen. Schluss. Ende. Früher, da war er einmal offen. Vielleicht zu offen. Offen für alle und alles. Da kamen Briefe, Einladungen, Prospekte, Zeitungen, Zeitschriften und natürlich auch Rechnungen. Diese haben informiert, erfreut, aufgerüttelt, ermahnt und überfordert. Und dann kam das Ende. Der Briefkasten wurde mit Klebestreifen verschlossen.

Dieser Prozess gilt nicht nur für Briefkästen. Viele Menschen erleben es genau so. Sie waren einmal offen für alles Neue. Für Kontakte, für Abenteuer, für die Zukunft – für die ganze Welt. Es war ein aktives Leben. Dieses Leben kostete Energie. Es brachte Probleme und Entäuschungen mit sich. Aber auch viel Freude und Abwechslung. Das war Leben.

Irgendwann war etwas geschehen. Es wurde zu viel. Die Energie war aufgebraucht. Der Tank leer. Die Lebensfreude wich der Unlust. Daraus entstand mit der Zeit Resignation und Verbitterung. Die Erinnerung an die guten Zeiten ist verblasst. Es blieb der Kampf zum Überleben des Heute. Kein Morgen, kein Übermorgen – nur heute. Dies verlangt nach einer Überlebensstrategie. Die naheliegendste: Kleber drauf. Verschliessen. Sich zurückziehen. Warten auf bessere Zeiten.

Es gibt eine bessere: Den leeren Energietank wieder auffüllen. In der Zurückgezogenheit füllt er sich nie auf. Ich muss dort hin gehen, wo Energie ist. Zum Beispiel an die Sonne. Sie erhellt und gibt Wärme. Oder unter die Menschen. Sie bewegen sich, kommunizieren und strahlen Leben aus. Nicht unbedingt Harmonie, aber Leben. Oder auf einen Berg oder Hügel. Das schafft neue Übersicht und Perspektive. Vielleicht muss ich den Kleber vom Briefkasten entfernen. Alles hat seine Zeit. Sich zurückziehen hat seine Zeit, und sich öffnen hat seine Zeit. Beschäftigung mit sich selbst hat seine Zeit, und Beschäftigung mit andern hat seine Zeit. Beschäftigung mit uns selbst ist wichtig. Sie soll uns persönliche Wünsche, Grenzen und Möglichkeiten aufzeigen. Sie darf aber nicht dazu führen, dass wir unsere Wunden lecken und im Selbstmitleid versinken. Beschäftigung mit anderen und anderem lenkt von uns ab und zeigt neue Sichten und Möglichkeiten. Sie führt uns zu Menschen und Menschlichem, vielleicht sogar zu Göttlichem. Zu neuen Energiequellen. Dies verändert unser Heute, Morgen und Übermorgen.