Der Verletzte

Er ist nicht sehr attraktiv. Er erinnert höchstens an frühere, bessere Zeiten. Es muss offensichtlich Grund gegeben haben, in ihn einzudringen, ihn zu berauben, ihn zu zerstören. Das hat Spuren hinterlassen. Achtlos geht man an ihm vorüber. Niemand käme auf die Idee, ihm etwas Wertvolles anzuvertrauen. Oder geschah die Zerstörung gar grundlos, vielleicht gedankenlos?

Das kann auch jedem Menschen passieren. Erst war er noch in Amt und Würde. Stark, selbstsicher, angesehen, voll Tatendrang und Zuversicht. Und dann sind sie eingedrungen. Vielleicht war es aus Neid, vielleicht aus Hass, Unverständnis oder einfach Lieblosigkeit. Aber sie sind tief eingedrungen. Mit Kritik, Vorwürfen und Verachtung. Das hat verletzt, zerstört. Zum Schluss haben sie ihn ignoriert, nicht mehr beachtet. Das hat Spuren hinterlassen. Hoffnungslose Spuren?

Es muss nicht so sein. Vielleicht war es ein Rütteln, um das Fundament zu prüfen. Wovon war der Mensch abhängig? Vom Ansehen? Von Erfolgen? Von Leistungen? Von gängigen Denkmustern? Von der Zuneigung von Neidern? War er ein Gefangener seiner Illusionen? Dann war es Zeit um aufzuwachen. Was ist mein Fundament? Wo sind die Werte in meinem Leben, die jedem Sturm widerstehen können? Woher nehme ich die Nahrung, die mich für schwierige Zeiten stärkt? Wo ist Ehrlichkeit und Wahrheit? Wofür lohnt es sich wirklich zu kämpfen? Wo sind die echten Freunde? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Kann ich den Blick von meinen Verletzungen weg auf die andern wenden? Sehe ich die Verletzten um mich her? Kenne ich den Segen des Gebens? Und den Segen des Vergebens? Wem will ich etwas Wertvolles anvertrauen? Fragen führen oft zu überraschenden Lösungen von Problemen. Mögen Verletzungen noch so schmerzen, wenn sie mich zu den richtigen Fragen führen, dann sind sie nicht umsonst. Sie bringen mich weiter. Wohin?

Mario Brühlmann