Der Transparente

Er ist selten. Er macht seinen mehr oder weniger wertvollen Inhalt für jedermann sichtbar. Das kann interessant oder riskant, provokativ oder peinlich sein. Das gilt für den transparenten Briefkasten genauso wie für den transparenten Menschen.

Transparente Menschen sind eine Wohltat. Da weiss man, woran man ist. Ein Ja ist ein Ja und ein Nein ist ein Nein. Der klare, transparente Blick schafft Vertrauen. Der Gesichtsausdruck kommuniziert unzweideutig Zustimmung oder Ablehnung. In den Körperbewegungen kommt die Gemütsstimmung zum Ausdruck.

Transparent sein ist aber auch riskant. Mit der Öffnung werde ich verletzbar. Gerade dieser Mut zur Verletzbarkeit jedoch macht menschlich und schafft tragfähige Beziehungen. Dieser Mut fehlt leider vielen. Sie ziehen es daher vor, teiltransparent zu sein. Transparent bei den Stärken, intransparent (verschleiert) bei den Schwächen. Das ist Heuchelei. Das ist Charakterschwäche. Dieses Spiel wird schnell durchschaut und führt zu Misstrauen.

Transparent sein kann provozieren - plump wirken - in Frage stellen - herausfordern zum Dialog. Das erfordert Dialogfähigkeit. Unterschiedliche Ansichten und Gefühle können stören, ärgern und belasten. Eingefahrene und liebgewonnene Meinungen werden hinterfragt. Das wird oft als persönlichen Angriff wahrgenommen und bewirkt Aggression statt Verständnis oder Rückzug und Schweigen statt Dialog. Einige reagieren auf unangenehme Transparenz mit Rechtfertigungen, andere sind beleidigt und versinken in Selbstmitleid. Das ist schade. Das ist gefährlich.

Lasst uns die wertvollen Eigenschaften von transparenten Menschen erkennen. Es sind Perlen! Lernen wir, mit den unangenehmen Seiten der Transparenz umzugehen und selbst transparent zu werden. Transparenz hat mit Echtheit zu tun. Mit Wahrheit. Mit Natürlichkeit. Mit Klarheit. Mit Persönlichkeit. Mit mir?

Mario Brühlmann