Der Beladene

Er steht da. Unverrückbar. Und er trägt viele Lasten. Lasten, die eigentlich gar nicht zu einem Briefkasten gehören. Sein eigentlicher Zweck bleibt untergeordnet. Was sind schon die paar Briefe, die von Zeit zu Zeit durch seinen Schlitz Eingang finden. So rostet er langsam dahin. Die Zeit und das Wetter sind an der Arbeit. So lebt der beladene Briefkasten. Und so leben viele Menschen. Oder werden sie gelebt?

Beladene Menschen sind wertvoll. Sie tragen eigene und fremde Lasten. Das ist bequem; für die anderen. Dabei bleiben sie, meistens, ruhig und geduldig. Das ist angenehm- für die anderen. Sie sagen nie nein und arbeiten ohne Unterlass. Das schafft den anderen Freiraum. Lasten tragen ist eine edle Aufgabe. Sie kann auch Erfüllung bringen. Das gute Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden.

Viele Menschen leiden jedoch unter ihrer Last. Sie können nicht nein sagen, weil sie es allen recht machen wollen. Oder sie bemessen ihren Wert ausschliesslich an der eigenen Leistung, weil sie anderswo keine Bestätigung erhalten.

Wo führt das hin? Zu Unzufriedenheit. Man fühlt sich früher oder später ausgenutzt, kann sich aber nicht mehr dagegen wehren. Es führt zu Überforderung. Man spürt, wie die Kräfte und die Lebensfreude schwinden. Es kommt zum burn out. Man entdeckt sich als Zahnrad in einer unaufhaltsamen Maschinerie. Es scheint kein Entrinnen zu geben.

Doch! Es gibt ein Entrinnen. Versuch's. Steig aus. Reiss dich für ein paar Stunden, Tage oder Wochen los. Und die unaufhaltsame Maschinerie geht weiter. Auch ohne dich. Gewinne Abstand. Erhole dich. Und dann frage dich: Was will ich eigentlich? Was gibt meinem Leben Sinn? Welche Lasten muss ich wirklich tragen? Lerne, dazu ja zu sagen. Mit der richtigen Einstellung wird vieles leichter. Und welche Lasten will und muss ich abladen? Lerne, nein zu sagen zu allem Unnötigen; auch wenn es den anderen nicht gefällt. Lassen wir unsere Seele nicht dahinrosten. Schaffen wir uns lieber Freiraum zum Atmen. Das macht uns tragfähiger und belastbarer. Und fröhlicher.

Mario Brühlmann